Edmund Heuser – Humor im Nachkriegsdeutschland – Journalist – Mann
Zur Wiedereröffnung des Valentin-Karlstadt-Musäums
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JEDES DING HAT DREI SEITEN. EINE POSITIVE, EINE NEGATIVE UND EINE KOMISCHE.
Karl Valentin
Heuser wurde am 25. Mai 1913 in Spich bei Köln geboren und ist am 01. Juni 1967 in Nagold verstorben. Er verließ das Gymnasium kurz vor dem Abitur aus Gründen, die in der Familie nicht direkt besprochen wurden. Es scheint aber im Zusammenhang mit politischen Aktivitäten gestanden zu haben, denn E. Heuser stand den Gedanken der NSDAP wohl schon in jungen Jahren sehr nah. So hat er z.B. erzählt, dass er vor der Saarabstimmung [1935] in das damals französisch besetzte Saarland zu Agitationszwecken eingeschmuggelt wurde. Nach der Schule machte Heuser eine journalistische Ausbildung bei einer der NSDAP nahestehenden Zeitung und arbeitete danach als Journalist. Ab 1939 war er als Kriegsberichterstatter eingesetzt, sowohl in Russland als auch in Nord-Afrika.
Nach kurzer Kriegsgefangenschaft begann Heuser mit der vorliegenden schriftstellerischen Tätigkeit. Die Familie wohnte derzeit bei Verwandten der Mutter in Irmelshausen, einem Dorf bei Königshofen in Franken.
E. Heuser zog von dort nach Stuttgart und holte die Familie 1949 nach. Er arbeitete nun als selbständiger Journalist unter anderem auch für den Südfunk Stuttgart [Pseudonym Edmund Erhus]. Heuser entwickelte und leitete dort ein großes Preisausschreiben, mit dessen Erlösen (0,50 DM pro Einsendung) die deutsche Olympiamannschaft für Helsinki 1952 unterstützt wurde. Später entwickelte und leitete er für den Burda-Verlag die deutschlandweite Aktion “Nadelprinzeß”, bei der Hobbyschneiderinnen, die mit Schnittmusterbögen des Burda Verlages Kleider etc. schneiderten, in regionalen Wettbewerben ausgewählt und die Siegerinnen dann in Baden-Baden zur “Nadelprinzessin” gekürt wurden. Diese Aktion betreuten Heuser und seine Mitarbeiter/innen bis zu Heusers Tod. Gleichzeitig führte seine immer stärker werdende Tätigkeit in der Werbung dazu, dass er zusätzlich als Dozent für Werbung an der Lehranstalt des deutschen Textileinzelhandels in Nagold wirkte. [Auskunft des Sohnes B. Heuser]
Der Nachlass im IfZ-Archiv umfasst drei AE, überwiegend maschinenschriftliche Originale und Durchschriften von humorigen, satirischen Gedichten und kleineren Personenstücken. Familienpapiere schließen sich an (Bände 4-7). Die Texte Heusers, die mehrheitlich aus der Nachkriegszeit stammen, widmen sich gesellschaftlichen Themen in der noch ungegründeten Bundesrepublik. Heuser blickt auf die jüngste Vergangenheit, Entnazifizierung, Lebensmittelknappheit, die Frauen; der ‚deutsche Biedermann‘, der sich nun in der neuen Ordnung einfinden musste, der sich unverstanden fühlte und ungleich behandelt, wird mit launigen Reimen entlarvt.
„Deutscher Stoßseufzer
Zehn arische Großmütter hab ich an Hand
Keinen Vetter in der Schweiz
Nicht eine Tante im Dollarland
Hat so das Leben Reiz?
…“
fragt Heuser 1948 und greift hier gefühlte Benachteiligungen auf, die der „aufrechte Deutsche“ äußert, weil ihm „noch nicht verziehen ist, an ihm hänge noch brauner Kitt“.1
„Homo trizonesiens
Ich bin der Bürger Michel Ehrenwert,
mit seiner weißen Weste, jeder Zoll ein Biedermann,
was an Geheimnissen zu mir gehört,
das geht nur mich, sonst niemand etwas an.
…
in meinem Fragebogen ließ ich ein paar Lücken,
weil ich, das was gewesen recht schnell vergaß,
doch seit es gilt den Lastenausgleich auszurücken,
vermiss ich tausend Dinge, die ich nicht besaß“
…“2
In kürzeren Skripten zeichnet Heuser komplexere Lebensgeschichte, die für seine Zeitgenossen/innen anschlussfähig waren: so handelt die Geschichte „Verspieltes Leben“3 von einem ehem. Berufsoffizier, der „nach dem Zusammenbruch“ in die Nachkriegsgesellschaft entlassen wird. Bronken bieten sich mehrere Anstellungen, die er teils aus Borniertheit ablehnt; das Angebot des künftigen Schwiegervaters empfindet Bronken als Almosen. Er schließt sich einem Zirkus an, in dem er mit einer Schieß-Nummer erfolgreich ist. Er sehnt sich nach dem Soldatenleben zurück, das Zirkusleben und das bei anderen beobachtete „Spießerdasein“ lehnt er als sinnlos ab. Die Schwester seiner ehemaligen Verlobten will Rache nehmen, in der Zirkusvorstellung kommt es zu Verwicklungen, Hans Bronken erschießt seine Partnerin. Nach einem Freispruch richtet Bronken sich selbst, da „er mit diesem Leben nichts anzufangen weiß“.
Die Idee Heusers wie auch die literarische Umsetzung hinsichtlich der Kriegsheimkehrer-Problematik zeugen von recht feiner Beobachtungsgabe. Gleichzeitig driftet die Lebensgeschichte Bronkens leicht ins Absurde, denn das Zirkusleben als „Spießerdasein“ abzulehnen, wird nur wenigen Mitmenschen in den Sinn gekommen sein. Den Impuls Käthes, die Schmach ihrer Schwester zu vergelten und tatsächlich in die Tat umzusetzen, d.h. mit einem Revolver in eine Zirkusvorstellung zu gehen, wird auch kaum den Alltagserfahrungen der meisten Deutschen entsprochen haben, zugleich erhöht die dramatische Zuspitzung durch Schüsse, Gerichtsverhandlung und Freispruch die Fallhöhe zu Bronkens Selbstmord. Ein ehemaliger Soldat, der nicht in die Gesellschaft zurückfindet.

Ob den Veröffentlichungsmöglichkeiten in Frauenzeitschriften wie CONSTANZE geschuldet oder eigener Analyse: Heuser versucht sich auch an der Perspektive von Frauen.4
„DIE MINDERBLEASTETE
Jetzt habe ich es wirklich übersatt
man hat den zwölften Fragebogen mir gebracht,
diesmal kam er vom Friedhofsdezernat der Stadt,
das einmal meine allerletzte Bleibe überwacht.
…
Nun lasst uns endlich von was andrem reden,
von wahrer Hilfsbereitschaft, wenn ihr wollt,
sonst wird mein Lebensweg bis zum verblöden,
nachträglich millimeterhaft noch einmal aufgerollt.
…
Ja doch, ich bin im BDM gewesen,
ich war sogar ganz gerne Arbeitsmaid,
ich habe täglich den V.B. gelesen
und manches WHW Metall trug ich am Sonntagskleid
…
Ja doch, es fällt mir heute manches schwer,
was in der Zeitung steht, glaub ich nicht unbedingt,
das EK I von meinem Michel geb ich nicht mehr her,
und wenn mich das noch mehr in das Getratsche bringt.
…“5
Das Geschlechterverhältnis ist mehrmals Thema in Heusers Beiträgen an verschiedene Zeitschriften. Ein 5seitiges Skript „Sind nur die Männer schuld?“6 behandelt ausführlich altmodisches Verhalten, weibliche Berufstätigkeit, Selbstverständnis der Frauen. An einem Bespiel (Anbieten des Sitzplatzes in der Straßenbahn) windet sich Heuser um allerhand haarspalterische Emanzipationskritik und trauert der Galanterie hinterher, die moderne Frauen nun ablehnten.
Der Beitrag „Nur Männerschuld?“7 ist ähnlich im Ton. Frauen, die während des Krieges berufstätig sein mussten und es nun weiter sein wollen, steht ein veraltetes Rollenverständnis gegenüber: Männer wollen Frauen umsorgen, zuvorkommend behandeln, ritterlich sein. Frauen verändern sich, sie folgen einem neuen, medial beworbenen Frauenbild, und so seien Frauen auch selbst schuld daran, dass „Kavaliere und Galanterie“ verschwinden und belacht werden. Das äußere Erscheinungsbild der „drahtigen Kameradin“, die „Charm und Fraulichkeit bei zunehmender Gleichberechtigung und größerer Bewegungsfreiheit“ verliert, würde zu Verwerfungen im Geschlechterverhältnis führen; der „NEW LOOK“, so hofften viele Männer, sei nur eine kurze Modeerscheinung. – Die Redakteurin der Zeitschrift „Ihre Freundin“8 sandte den Beitrag mit der Bemerkung zurück, „Ihre Sorge um die Vermännlichung der Frau ist bestimmt übertrieben. Selbst der BDM hat die „drahtige Kameradin mit der Knabenfigur und dem Herrenschnitt‘ in seinen Kinderschuhen abgelegt.“ Und weiter „Der Frauentyp, dem Sie Opposition machen, dürfte doch wohl schon ausgestorben sein; ein positives Überbleibsel davon ist höchstens die größer gewordene Selbstständigkeit der Frau, die einer echten Frau aber bestimmt nichts von ihrem weiblichen Charm nimmt“ [14. Dezember 1948].
Heuser wendet sich den ersten „Schlussstrich-Debatten“, die Erinnerung oder gar Aufarbeitung von nationalsozialistischen Verbrechen ablehnten, die Vergangenheit ruhen lassen wollten, zu.
Die Wendehalsmentalität seiner Zeitgenossen greift Heuser häufiger auf, so auch im Gedicht „Einer davon“:
„Demokratisch, weimartreu,
war er bis 1933,
Staatspartei
…
Autokratisch, führertreu,
war er bis 45
mit dabei.
…
Heute schwört er keinem mehr
weil an 49
wetterschwer.
Aus weiser Vorsicht ist er Christ
…
Weil er, wenn auch meist zu spät
ganz klar erkennt, was vor sich geht!
Und aus Charakter wie Gemüt
beständig ——— Konsequenzen zieht!“9
Die im Grundgesetz (wieder)eingeführten Rechte eines demokratischen Staates, den Übergang von der NS-Diktatur in eine zunächst von ausländischen Mächten organisierte Besatzungszeit thematisiert Heuser augenzwinkernd in dem Stück „Asgard will Genaues wissen“10, in welchem er die nordischen Götter unter der Führung Wotans erst die Lebensmittelversorgung, dann das Geschlechterverhältnis und schließlich die göttliche Ordnung selbst diskutieren lässt, bis auf Beharren Friggs gar Demokratie eingeführt ist, Wotan nach Nicht-Wahl in die Reihen der anderen Götter zurücktreten muss und nun Heimdal unter dem Vorsitz Thors damit beschäftigt ist, Protokolle zu verlesen und Abstimmungen aufzuzählen.
Eingeführt wird eine Kommission „Siehe und prüfe Deutschland“11: die deutschstämmige Russin Katharina II12 und als Vertreter US-Amerikas der deutschstämmige General von Steuben13 werden entsprechend entsandt. Sie landen in Berlin, reflektieren über die jüngere Vergangenheit und kommentieren die Zustände. Steuben reist weiter nach Bayern, Katharina verbleibt in Berlin, wo sie dank spontaner Kontakte zu drei anderen „Mädchen“, die englisch, französisch und deutsch sprechen, wegen ihrer Russischkenntnisse eine Bleibe durch das Rote Kreuz erhält und im Nachgang über „Beziehungen“, nicht Genehmigungen oder Bescheinigungen, ein recht gutes Auskommen hat.14
Der nächste Akt spielt in einem Amt. Kriegsopfer, Ausgebombte und Ostflüchtlinge ersuchen nach Bezugsscheinen, werden abgewiesen. Steuben tritt ein und wird einem bürokratischen Kreuzverhör unterzogen, bevor er einen Zutrittsschein für die amerikanische Zone beantragen kann und vertröstet wird. Als er einem Spruchkammerverfahren beiwohnt, wird seine 200 Jahre alte militärische Erfahrung mit jüngsten Ereignissen verwoben.
Steuben wird nach Walhalla zurückgerufen und berichtet von seinen Beobachtungen (Katharina bleibt noch in Deutschland).15 Föderalismus, Volksabstimmungen, kurz: der Stand der Demokratie in „Rumpfgermanien“ und auch die Reise selbst sind Teil dieses Berichts, der überraschend nicht schriftlich eingereicht werden muss, da „Thor seine Macht diktatorisch missbraucht“ hätte. Aber Steuben darf noch Spesen geltend machen. Einer möglichen weiteren Beobachtungsmission sollte Till Eulenspiegel angehören, so endet das Stück.
Heuser setzt eine Vielzahl von verklausulierten Umständen satirisch in Szene, die Abschaffung der ersten deutschen Demokratie, die Diktatur, das von den vier Besatzungsmächten regierte Deutschland bis 1949, gesellschaftliche Verhältnisse, Kriegsrückkehrer, Rationierungen, Bürokratie, Entnazifizierung. Dem Volk aufs Maul geschaut – durch die Brille des von Göttern eingesetzten Kommissars und der Kommissarin.16


Anders als die von Karl Valentin inszenierten „Alpträume des Alltags“ enden Heusers Stücke nicht in Katastrophen, vielmehr nutzt er Beobachtungen und Erfahrungen, um eine andere Art Spiegel vorzuhalten. Die Verlorenheit der Menschen, die Karl Valentin beschäftigte, kann auch in den Texten Heusers entdeckt werden. Die im IfZ-Archiv vorliegenden Gedichte, Stücke und Miniaturen stehen für eine Wieder-Entdeckung zur Verfügung.
Eindrücke vom #GLAMInstaWalk im Valentin-Karlstadt-Musäum:




- NL Edmund Heuser, IfZ-Archiv ED 549/2. Inwiefern sich Parallelen zu Heusers eigenem Lebensweg und frühen Überzeugungen ziehen lassen, geht aus dem Nachlass nicht hervor. Die Familienpapiere setzen sich aus Dokumenten für den ‚Ariernachweis‘ und weiteren genealogischen Unterlagen zusammen. Die Auskunft des Sohnes zur ns-nahen Jugend Heusers könnte daraufhin deuten, dass es Heuser leichtfiel, sich in die Lage der unverstandenen, „aufrechten Deutschen“ hineinzuversetzen. [↩]
- Ebd. [↩]
- Ebd. Die Textlänge lässt sich mit den Formaten von Reportagen und Beiträge zu Zeitschriften erklären, i.d.R. um die 1.500 – 5.000 Wörter, also 2-6 Seiten. [↩]
- ED 549/3 [↩]
- „Die Minderbelastete“, ED 549/3. Undatiert ms. Ds. auf Briefbogen „Werner Finck Gastspieldezernat, Stuttgart“. [↩]
- ED 549/3 [↩]
- ED 549/3. Es ist gut vorstellbar, dass E. Heuser ähnlich lautende Diskussionen recherchiert / erlebt hat und journalistisch verpackte. Denkbar ist auch ein persönliches, generationell bedingtes Motiv für die Aussagen. [↩]
- Gegründet 1948, ab 1960 im Burda Verlag, bis heute als „Freundin“ in München herausgegeben. [↩]
- ED 549/3. Undatiert. [↩]
- ED 549/1 Undatiert [1949]. [↩]
- Die Einführung wird in einem Unter-Rat beschlossen; das Wort Unteraus-Schuß wird als zu militaristisch verworfen. [↩]
- Katharina die Große; im weiteren Verlauf wird auch auf die von Peter III angedrohte Verbannung in ein Kloster Bezug genommen. [↩]
- Friedrich Wilhelm von Stueben, 1730-1794, preußischer Offizier und US-amerikanischer General (Kontinentalarmee, Amerikanischer Bürgerkrieg [↩]
- Ihr gemeinsames Lied: Der Qualm kommt aus Amerika, der Wodka aus dem Osten, für Schmiere ist der Franzmann da und alles ohne Kosten. Die Wahrheit kommt aus Engelland, die Mäßigung aus Polen, nur Deutschland, das ist abgebrannt und alles ohne Kohlen. ED 549/1. [↩]
- Viermächtestatus Berlin 1945 [– 1991], SBZ 1945 [DDR 1949 – 1990] [↩]
- Ein interessanter Kniff, Katharina II und v. Steuben zu wählen, da beide ohne Sprachbarriere prüfen konnten, selbst historisch belegte Persönlichkeiten sind (i.G. zu mythischen Gottheiten) und auch ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Blickwinkel auf dieses moderne, demokratische Deutschland einbringen. In den Schilderungen von Befragungen, Verhören, Gesprächen wählte Heuser eine fast dokumentarische Sprache und journalistischen Stil. Die abschließende Bemerkung, Till Eulenspiegel gegebenenfalls mit einer Beobachtungsmission zu betrauen, rückt das Stück wieder in die unterhaltsame Fiktionsebene. [↩]
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Ute Elbracht (13. Juli 2026). Edmund Heuser – Humor im Nachkriegsdeutschland – Journalist – Mann. Archive in München. Abgerufen am 19. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16kfo


